Animexx - Verein der Anime- und Mangafreunde e.V.

Wir haben uns einmal den Roman "Brüste und Eier" von Mieko Kawakami genauer angeschaut und für euch rezensiert...

Weiterlesen

Featured:
Twittern" title= Auf Facebook teilen

Interview mit Nicolas Chauvat

 
Nicolas Chauvat hat uns zum Erscheinen seines Ratgebers "Genki: Die 10 goldene Regeln aus Japan" Rede und Antwort gestanden. Erfahrt in unserem Interview, warum er sich entschieden hat, dieses Buch zu schreiben und woher seine Leidenschaft für das Land der aufgehenden Sonne rührt!
animePRO: Herr Chauvat, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, unsere Fragen zu beantworten. Erzählen Sie unseren Leser ein wenig über sich und Ihre Faszination für die japanische Kultur.
Nicolas Chauvat: Ich kam durch meinen Vater mit der japanischen Kultur in Berührung. Er hat den schwarzen Gürtel in Judo und Karate und begann mir Kampfsport beizubringen, als ich sieben Jahre alt war. Mein Vater glaubt, dass es keinen kräftigen Körper ohne einen gesunden Geist gibt. So brachte er mich dazu, Bücher über japanische Philosophie zu lesen. Später beschloss ich, die japanische Sprache zu lernen und konnte während meines Studiums der Politikwissenschaft ein Auslandssemester in Japan verbringen. Es war eine fantastische Erfahrung! Es hat mich begeistert, wie Japaner, obwohl sie sehr hart in ihrem Job arbeiten, das Leben mit einem Lächeln verschönern. Seither ist meine Liebe für dieses Land stetig gewachsen.

animePRO: In Ihrem Buch "Genki" schreiben Sie anhand von bestimmten Ausdrücken über 10 Regeln, die dabei helfen sollen, sich selbst zu finden und der zu werden, der man wirklich sein will. Wieso haben Sie genau diese 10 Ausdrücke ausgewählt?
Nicolas Chauvat: Hierzu muss ich eines vorweg sagen: In erster Linie schreibe ich für mich, meine Familie und meine Kollegen, bevor ich für andere schreibe. Denn wenn ein Gedanke nicht die Kraft hat, mein Leben zu beeinflussen, wird er nicht das Leben der Menschen um mich herum verändern. Und wenn ein Gedanke nicht das Leben der Menschen um mich herum beeinflussen kann, wird er auch für meine Leser nicht gewinnbringend sein. Darum habe ich zuerst die Ausdrücke gewählt, die mein Leben bereichern und sie dann mit meiner Familie und Bekannten geteilt. Ich habe dann an nur den Ausdrücken festgehalten und in mein Buch genommen, die auch für die Menschen, die ich um mich habe, nützlich waren.

animePRO: Wann und warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Ihre "goldenen Regeln" zu schreiben?
Nicolas Chauvat: Der erste Schritt für das Projekt war gemacht, als ich Folgendes erkannt habe: Wenn ich mein Leben verbessern möchte, muss ich zuerst mich selbst ändern, und nicht darauf warten, dass mein Leben sich von selbst ändert. Das klingt auf den ersten Blick simpel, aber ich habe Jahre gebraucht, um das zu verstehen und um es zu akzeptieren. Ich habe für die Französische Botschaft in Japan gearbeitet und dabei viele Reden verfasst. Dabei wurde mir bewusst, wie viel Kraft einzelne Wörter in einer Rede entfesseln, sie leichter verständlich machen und auf den Punkt bringen können, damit die Menschen sich leichter daran erinnern. So begann ich, mehr und mehr solcher Wörter in der japanischen Sprache zu suchen, um sie in die Reden einzubauen. Als ich dieses Konzept mit meiner Familie und meinen Kollegen geteilt habe, wurde mir klar, dass sie mir auch im täglichen Leben nützlich sein können. Darum habe ich mich entschieden, dieses Buch zu schreiben.

animePRO: Was würden Sie sagen, ist der größte Unterschied zwischen Ihrem Ratgeber im Vergleich zu anderen, die die vermeintliche Antwort auf die Frage haben, wie man ein glücklicheres Leben leben kann?
Nicolas Chauvat: Ich glaube, ein wahrer Meister des Kampfsports würde niemals behaupten, seine Lehren seien die besten. Er würde niemals von seinen Schülern verlange, nur von ihm zu lernen. Das gilt auch für meinen Ratgeber. Ich möchte meinen Lesern ans Herz legen, viele Bücher anderer Autoren zu lesen.
Und um auf die Frage zurückzukommen: Ich denke, für mein Schreiben ist es charakteristisch, dass ich nicht glaube, dass es möglich ist, ein glücklicheres Leben zu führen, indem man Stress vermindert. Ich lege den Fokus nicht auf Entspannungsmethoden. Ich glaube, es ist am wichtigsten, den Sinn, in dem, was wir täglich tun, zu finden. Wenn man für sich erkennt, dass das, was man täglich leistet, wichtig ist, wird man viel besser mit Stress umgehen können. Hier setzt mein Buch an.

animePRO: In unserer modernen Zeit scheint Selbstoptimierung im Trend zu sein. Viele Menschen streben in allen Bereichen ihres Lebens nach Perfektion. Sein wahres Selbst zu finden, mutet auf den ersten Blick auch wie eine Art der Selbstoptimierung an. Was denken Sie darüber?
Nicolas Chauvat: Die Frage greift genau das größte Problem unserer Gesellschaft auf: Der Kampf der Perfektion. Das bringt viele Menschen auf den falschen Weg, denn um ein erfüllendes Leben zu leben, müssen wir nicht perfekt sein, wir müssen ehrlich zu uns selbst sein. Perfektion muss einzigartig sein, denn alles, was von einer Definition von Perfektion abweichen würde, wäre fehlerhaft, unvollkommen. Aber wir sind alle unterschiedlich geboren und unser Ziel ist es doch nicht, wie alle anderen zu werde, sondern unsere Unterschiede zu entdecken und zu leben.
Das andere Problem dieses Konzeptes ist, dass viele Menschen nach einem stabilen, unveränderbaren Zustand streben, obwohl das Leben ein andauernder Prozess ist, der Veränderungen mit sich bringt. Wir sind dafür gemacht, uns zu verändern, um das Leben ganzheitlich zu erleben. Hätten Sie einen perfekten Tag, würden Sie diesen wirklich immer und immer wieder genauso erleben wollen? Würden Ihnen das passieren, würden Sie schnell merken, dass es ein Alptraum ist. Im Leben geht es nicht um Perfektion, sondern darum, Veränderungen zu erleben und mit jedem Tag ein besserer Mensch zu werden.

animePRO: Momentan befindet sich die ganze Welt in einer Krise wegen des Coronavirus. Viele Menschen sind gezwungen, zuhause zu bleiben. Die Isolation bietet viel Zeit, um über sich nachzudenken. Etwas, das viele Menschen in der heutigen Zeit aus dem Blick verloren haben oder gar absichtlich vermeiden. Mit dem Thema Ihres Buches im Hinterkopf: Was würden Sie sagen, ist hilfreich, um mit sich selbst in Kontakt zu treten in diesen schwierigen Zeiten?
Nicolas Chauvat: Da mein Buch sich mit der japanischen Kultur beschäftigt, möchte ich einen Ratschlag aus meiner Zeit in Japan geben. Wenn die Umstände schwierig sind, ist das Schlechteste, was Sie tun können, nur an sich zu denken. Wenn Sie sich in schwierigen Zeiten nur auf sich selbst konzentrieren, geschieht es leicht, dass Sie in Angst und Panik geraten. Wenn Sie sich aber der Anderen um sich herum gewahr werden und sich darauf konzentrieren, sie zum Lächeln zu bringen, dann wird Ihnen das helfen, diese schwierige Situation zu bewältigen. Im Zen-Buddhismus heißt es oft, dass es das Ego ist, dass einen leiden lässt. Fragen Sie einmal einen Soldaten, wie er mit der Angst im Krieg umgeht. Er würde wahrscheinlich sagen, er hält für seine Kameraden durch. Fragen Sie eine alleinerziehende Mutter, wie sie ihren stressigen Alltag meistert, dass sie das durch die Liebe, die sie für ihre Kinder empfindet und von ihnen zurückgespiegelt bekommt, schafft. Kurz gesagt: Konzentrieren Sie sich in schweren Zeiten darauf, wie Sie das Leben der Menschen um Sie herum besser machen können. Sie werden sich besser fühlen, weil Sie erkennen werden, dass Ihr Leben eine Bedeutung und Bestimmung hat. Das ist der Schlüssel, um glücklich zu sein.

animePRO: In Ihrem Buch schrieben Sie, dass Menschen Einfluss auf uns haben, die in unserem Leben nicht physisch präsent sind, wie Schauspieler, Musiker oder Schriftsteller. Gibt es in diesem Zusammenhang auch jemanden, der Sie beeinflusst hat?
Nicolas Chauvat: Ich würde sagen, der Mönch Kukai und der bekannte japanische Krieger Musashi haben mich wahrscheinlich am meisten inspiriert. Auch der amerikanische Schriftsteller Napoleon Hill und sein Landsmann, der Unternehmer, Autor und Motivationstrainer Jim Rohn haben mich beeinflusst. Mit Blick auf Europa und seine Philosophen würde ich sagen, dass mein Interesse für Paracelsus, Boethius und Bergson mich geprägt haben.
Sie alle haben etwas gemeinsam: Ihre Art zu denken, geht weit über das traditionelle Denkschema in Gegensätzen von "gut" und "böse" hinaus. Sie alle glauben, dass es unseres Verstandes, also unseres Geistes bedarf, um unser Leben zu ändern.

 
Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft!
Autor: /  -Yue
Lektor: Saskia Haber
Grafiker: Denise Augustin /  Sunny-Ray
Datum d. Artikels: 15.06.2020
Bildcopyright: Scorpio, Nicolas Chauvat, Danai Afrati


X