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Am 28.Mai war wieder Kazé Anime Night angesagt – diesmal mit „Mirai – das Mädchen aus der Zukunft“ vom Star-Produzenten Mamoru Hasoda („Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“). Wir waren in Neuss dabei!

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Schnupper-Stunde: Liebe auf Japanisch - Teil 1

 

Von wählerischen Prinzen, speziellen Pflichten eines Samurai und Christen als Spaßverderbern.

Kapitel 5: Gleich und gleich gesellt sich gern

Von wählerischen Prinzen, speziellen Pflichten eines Samurai und Christen als Spaßverderbern


Gelebte Homosexualität unter Männern hat in Japan eine lange Tradition, und Beispiele dafür finden sich in jahrhundertealten Bildern und Texten. In diesem Punkt gibt es Parallelen zu den vorchristlichen Griechen und Römern, die ebenfalls offen mit homosexuellen Beziehungen umgingen.

Als das früheste geschichtliche Dokument Japans – größtenteils noch auf Chinesisch verfasst – gilt das Kojiki aus dem Jahr 712. Es enthält eine Sammlung von historischen Ereignissen und Mythen wie zum Beispiel die Entstehung von Himmel und Erde durch die Vereinigung der Urgötter Izanagi und Izanami. Diese brachte unter anderem die Sonnengöttin Amaterasu hervor, die nach dem Selbstverständnis des japanischen Kaiserhauses eine Urahnin des amtierenden Tenno ist. Das Kojiki ist im Hinblick auf Homosexualität zwar keine allzu hilfreiche Quelle, es gibt allerdings kurz danach erschienene literarische Erzeugnisse, in denen gleichgeschlechtliche Zusammenkünfte beschrieben sein könnten. Doch sind sie so poetisch und zurückhaltend formuliert, dass sie recht viel Interpretationsspielraum lassen. Anders sieht das beim berühmten Genji Monogatari aus, einem der ersten Romane der Welt. In diesem Werk aus dem 11. Jahrhundert erlebt der dem Buch seinen Namen gebende Held Prinz Genji eine Reihe wilder Kopfkissenabenteuer. Er, das Lieblingskind des Tenno und von diesem mit einer Konkubine gezeugt, ist ein Mann, der sich wegen seiner gesellschaftlichen Stellung, seines makellosen Äußeren und seiner Eloquenz im Grunde aussuchen kann, mit wem er das Futon teilt. Bei seiner Rundreise trifft er eines Tages eine Frau, die sich als Beischlafpartnerin anbietet. Doch der Prinz entscheidet sich lieber für ihren Bruder, den er – in Sachen Kopulation ganz Pragmatiker – einfach attraktiver findet.

Natürlich ist Attraktivität auch in der darstellenden Kunst ein wichtiges Thema. Aus der Edo-Zeit (1603–1868) sind Druckgrafiken erhalten, die miteinander verschlungene Frauenkörper und Liebesszenen älterer mit jugendlichen Männern zeigen. Gerade die Darstellung eines Alten zusammen mit einem Jüngling war keine künstlerische Mode, sondern belegt ein lange Zeit übliches System, das nach dem Prinzip „Bildung und Status im Austausch gegen sexuelle Gefälligkeiten“ funktionierte. Es wurde vor allen Dingen in den Bereichen Militär, Klerus und Unterhaltungsbranche praktiziert.

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Es war schon in Japan jahrhundertelang üblich, dass junge Menschen bei älteren Meistern in die Lehre gingen und sich von diesen ausbilden ließen. Ein solches senpai-kōhai-Verhältnis existierte natürlich auch bei den Kriegern, den bushi, auf ihrem Weg zur Meisterschaft, dem bushidō. Wer diesem hochgeachteten Berufsstand angehören wollte, suchte sich einen Lehrmeister, der ihn in alle Regeln der Kunst einführen konnte. Dabei unterrichtete der Lehrmeister den Schüler in Kampfkunst, Kriegeretikette und Lebensphilosophie. Im Gegenzug schlief dieser Lehrer mit seinem 13- bis 19-jährigen Schüler.

Schloss der Schüler seine Ausbildung ab, endete formal auch die Jugend – und die körperliche Beziehung. Auch wenn der sexuelle Kontakt endete, blieb das Verhältnis der vormaligen Zweckpartner eng und wandelte sich zu einer Art Vater-Sohn-Verhältnis. Der zum Samurai herangereifte Schüler war jetzt in der Position, nun selbst sowohl Wissen an einen eigenen Schüler weiterzugeben und hierfür sexuelle Gefälligkeiten einzufordern. Das geringe Alter der passiven Sexualpartner ist der Grund dafür, warum man diese traditionelle Verbindung zwischen Lehrer und Schüler wakashudō nennt, den „Weg der Jünglinge“.

Gemessen an unseren heutigen moralischen Werten ist wakashudō Pädophilie und Ausbeutung von schutzbedürftigen Menschen – ganz unabhängig davon, ob ihnen der körperliche Teil des Arrangements gefiel oder nicht. Seinerzeit wurde diese Praxis hingegen gesellschaftlich akzeptiert. In der Gesellschaftsordnung waren die Akteure im Hinblick auf Ehre und Moral um jeden Zweifel erhaben. Auch abgesehen vom wakashudō galt körperliche Liebe unter Männern weder als unsittlich noch als ungewöhnlich. Allerdings stand diese Freiheit nur Männern offen, während gleichgeschlechtliche Sexualität bei Frauen im Verborgenen stattzufinden hatte. Zudem sind, abgesehen von erotischen Darstellungen auf frühen Drucken und Wandgemälden, Belege für lesbische Beziehungen in der Literatur im Vergleich auffallend rar.

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Die Tradition des wakashudō, die um das Jahr 1200 herum ihren Anfang genommen haben soll, fand übrigens im Verlauf der Edo-Zeit ihr Ende. Der Grund ist einfach: Es herrschte seit Dutzenden von Jahren Frieden. Und wer sich über anhaltenden Frieden freut, kann auch auf Krieger verzichten.

Zusammenfassend lässt sich hinsichtlich der sexuellen Tradition festhalten, dass die japanische Gesellschaft Homosexualität nicht als moralisch verwerflich, sondern nur als eine von vielen Optionen zum Ausleben der eigenen Lust ansah. Das änderte sich natürlich mit den Moralvorstellungen, die das Christentum mitbrachte.

Es ist unbestritten, dass die christliche Lehre – insbesondere die römisch-katholische – eine recht enge Auffassung davon hat, wann und mit wem Geschlechtsteile auf welche Art und Weise genutzt werden sollen, und wann und mit wem eben nicht. Während christlichen Missionaren und anderen Glaubensvertretern lange Zeit per Gesetz der Zugang zu Japan nicht gestattet war, änderte sich dies nach der durch amerikanische Kriegsschiffe erzwungenen Öffnung Japans für den Welthandel.

Der westlich-christliche Konsens war zu dieser Zeit, dass Analverkehr als unzivilisiert anzusehen sei. Für den Zeitraum von 1873 bis 1880 schloss sich die japanische Regierung dieser Ansicht an und stellte diese Praktik per Gesetz unter Strafe. Im Strafgesetz von 1880, das eng an napoleonische Rechtsprechung angelehnt war, wurde dieses Gesetz relativiert: Analverkehr konnte straffrei vollzogen werden, sofern der Akt im Privaten und einvernehmlich zwischen Erwachsenen vollzogen wurde – ungeachtet des Geschlechts der Beteiligten. Dieser rechtliche Grundsatz hat bis heute Wirkung.

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Doch waren homosexuelle Beziehungen in Japan nie mit gesetzlichen Strafen belegt – abgesehen von einem kurzfristigen Gesetzesvorstoß aus dem Jahr 1907, bei dem sich Kaiser Meiji weitgehend an Gesetzestexten aus Preußen orientierte; das Gesetz wurde mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgegeben.

In anderen Ländern war dies anders – auch in Deutschland, wo im Westen seit Bestehen der Bundesrepublik bis zum Jahr 1969 Homosexuelle strafrechtlich verfolgt wurden und im Osten Homosexualität zumindest gesellschaftlich geachtet war und nur unter über 21-Jährigen als legal angesehen wurde.

Die importierten christlichen Moralvorstellungen beeinflussen bis heute das Denken vieler – gerade älterer – Japaner, die lieber an einem Partnerschaftsmodell festhalten, in dem Mann und Frau die Akteure sind. Vertreter der LGBT-Community fordern daher, dass der Grundsatz der seit 1947 geltenden Verfassung auch tatsächlich für jeden Japaner, ungeachtet seiner sexuellen Orientierung, gilt. Demnach ist jeder Bürger Japans gleich zu behandeln.



Diese Leseprobe ist ein Auszug aus „Liebe auf Japanisch. Von ewigen Singles, Love Hotels und dünnen Wänden“, Conbook Medien GmbH, Neuss 2019, Seite 57 – 67.

Grafiker: Denise Augustin /  Sunny-Ray
Datum d. Artikels: 09.04.2019
Bildcopyright: ©Conbook


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