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Pinguine mitten in einer japanischen Kleinstadt und niemand weiß, wo sie herkommen? Ein Grund für Aoyama, diese seltsamen Vorkommnisse zu untersuchen!

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Schnupper-Stunde: Liebe auf Japanisch - Teil 2

 

Von geheimen Frauenquoten, traditionellen Familienmodellen und der neuen Ära weiblichen Erfolgs.

Kapitel 12: Gleiches Recht für alle

Von geheimen Frauenquoten, traditionellen Familienmodellen und der neuen Ära weiblichen Erfolgs


Die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern nimmt zu, obwohl Premier Shinzō Abe mit der von ihm ausgerufenen „neuen Ära weiblichen Erfolgs“ – kurz mit dem Schlagwort „Womenomics“ umschrieben – eigentlich genau das Gegenteil erreichen wollte.

Der Begriff und die Idee hinter „Womenomics“ gehen auf Kathy Matsui zurück. Die Vizepräsidentin und Chefstrategin des japanischen Ablegers des Finanzdienstleisters Goldman Sachs hatte bereits 1999 ihre Theorie vorgestellt. Verkürzt und vereinfacht ausgedruckt sind demnach die Gleichberechtigung von Frauen und das Entwicklungspotenzial der Wirtschaft eines Landes eng miteinander verbunden. So sahen Matsui und ihre Kollegen für Japan das Potenzial eines höheren Bruttosozialprodukts im Bereich von mindestens 15 Prozent, bei einem

gleichzeitigen Anstieg der Geburtenrate.

[…]

Die Aussicht auf einen wirtschaftlichen Aufschwung und einen Anstieg der Geburtenrate sind besonders für Japan hochinteressant. Schließlich schwächelt beides schon seit Jahrzehnten. Dennoch dauerte es 14 Jahre, bis Japans Premier Shinzō Abe und seine Berater die vielversprechende Theorie aus der Ideenschublade zogen und sich den Ansatz als wichtigen Baustein der sogenannten Abenomics zu eigen machten.

Bereits 2013 waren volkswirtschaftliche Schäden infolge der geringen Geburtenrate und der im Grunde nicht existierenden Migration spürbar: Die Bevölkerung des Landes ist überaltert, die Babyboomer sind im Rentenalter, und es wird zunehmend schwer, vakante Stellen mit qualifizierten Kräften zu besetzen. So teilte Abe in ebendiesem Jahr im Rahmen einer UNO-Vollversammlung der Weltöffentlichkeit die Lösung für die Probleme seines Landes mit: Die Humanressource der hochqualifizierten japanischen Frauen sollte mit Nachdruck genutzt werden. Also genau derjenigen, die bisher nicht aktiv am Arbeitsmarkt teilgenommen hatten, weil sie, der Tradition folgend, mit dem Beginn der Schwangerschaft aus ihrem Unternehmen oder ihrer Behörde ausgeschieden und allenfalls in Teilzeitarbeitsverhältnisse zurückgekehrt waren.

[…]

Doch dass die Ankündigung einer Veränderung allein nicht ausreicht, um ebendiese Veränderung der Arbeitsmarktrealität und der ganzen Gesellschaft heraufzubeschwören, belegt bereits die tatsächliche Entwicklung des Gender Pay Gap: Er konnte bis 2017 nur auf 24,5 Prozent gesenkt werden (zum Vergleich: In Deutschland betrug das Lohngefälle im Jahr 2017 15,51 Prozent, den geringsten Unterschied in der Bezahlung von Frauen und Männern hatte mit 3,4 Prozent Luxemburg vorzuweisen).

[…]

66,1 Prozent aller Frauen im arbeitsfähigen Alter hatten laut OECD-Zahlen im Jahr 2016 einen Job – ein Rekord in der japanischen Nachkriegsgeschichte. Doch schaut man sich die Zahlen etwas genauer an, wird der Jubel schon etwas leiser. Gut die Hälfte dieser erwerbstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit, auf Vertragsbasis oder als Zeitarbeiterinnen, sprich: in Jobs mit tendenziell eher geringer Bezahlung, wenig Verantwortung und geringen Aufstiegschancen. In den Führungsebenen waren 2018 gerade einmal 4 Prozent aller Stellen mit Frauen besetzt, und in 73 Prozent aller japanischen Unternehmen war nicht eine einzige Frau im Management tätig. Im Hinblick auf die von Abe propagierte Gleichstellung im Job machen die ernüchternden Zahlen die „Womenomics“ zu einem ziemlichen Flop.

Und leider sind auch der Fürsprecher der Gleichbehandlung und seine Partei kein nachahmenswertes Vorbild: Waren 2014 in Abes Kabinett noch sieben von 18 Positionen mit Frauen besetzt, hat sich dieses Verhältnis zu Beginn seiner vierten Amtszeit extrem verschlechtert. 2018 waren im Kabinett nur noch zwei von 20 Mitgliedern weiblich. Auch im Repräsentantenhaus werden im Vergleich zu anderen G8-Staaten Negativrekorde aufgestellt: nur 47 von 465 Posten werden von Frauen bekleidet.

[…]

Doch warum gehen Vorhaben und Realität im Hinblick auf die Gleichstellung offensichtlich so weit auseinander? Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Hier nur ein paar davon:

• Abe und seine Regierung erklärten die „Womenomics“ zur Chefsache, versäumten es aber, auch für die entsprechenden Voraussetzungen zu sorgen. So ist beispielsweise das Angebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten bis heute nicht ansatzweise ausreichend. Wie sollen beispielsweise Yukiko und Kenji beide im Job durchstarten, wenn die Betreuungsfrage für ihre statistischen 1,5 Kinder nicht geklärt ist?

• Dank des seit den 1960er-Jahren geltenden Steuergesetzes ist es für viele Paare finanziell deutlich lohnender, wenn nur einer der Partner viel verdient. Traditionell ist dies dann der Mann. Solange es dieses Gesetz gibt, werden wenig Anreize dafür geschaffen, aus der Tradition auszubrechen.

• Schwangere und junge Mütter sehen sich nicht selten dem Mobbing ihrer Kollegen und einer gesellschaftlichen Diskriminierung ausgesetzt. Dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt, zeigt auch die japanische Sprache, die für diese Art der Belästigung mit matahara (von englisch maternity harassment) sogar einen eigenen Ausdruck bereithält.

Vielleicht haben auch viele Japaner noch nicht die Vorteile sowie die gesellschaftliche Notwendigkeit des Umdenkens hinsichtlich ebendieser traditionellen Rollenverteilung verinnerlicht, die zu Zeiten der Meiji-Restauration vor rund 130 Jahren als gesellschaftliches Modell aus Preußen übernommen wurde. Denn die Realität in japanischen Unternehmen und Behörden sieht auch heute noch so aus, dass das Schuften bis zur Erschöpfung (oder zumindest so lange, wie der Chef im Büro bleibt) und das gemeinsame Trinkengehen mit Kollegen nach Feierabend zum Pflichtprogramm gehören. Beides geht nicht, wenn die Erziehung und Betreuung der Kinder nicht wirklich gleichberechtigt unter den Partnern aufgeteilt ist. Bei einem traditionellen Familienmodell sind Frauen mit Kindern per se außen vor. […]


Diese Leseprobe ist ein Auszug aus „Liebe auf Japanisch. Von ewigen Singles, Love Hotels und dünnen Wänden“, Conbook Medien GmbH, Neuss 2019, Seite 143 – 153.

Grafiker: Denise Augustin /  Sunny-Ray
Datum d. Artikels: 16.04.2019
Bildcopyright: ©Conbook


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