Animexx - Verein der Anime- und Mangafreunde e.V.

Ob Schauspieler, Regisseur oder Komponist: Nur der Nihon Media e.V. schafft es, dreißig Filmschaffende aus Japan an einem Abend gleichzeitig in Hamburg auf die Bühne zu bringen. Wir wurden eingeladen, um über diese großartige Veranstaltung und die erste von ihnen ausgeführte Preisverleihung zu berichten.

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Kiss me liebes Heroin oder Deutschland und seine Titel

 
Jeder Publisher, der schon einmal etwas im Ausland veröffentlicht hat beziehungsweise veröffentlichen ließ, weiß von einer Sache, die sich „kultureller Geschmack“ nennt. Verschiedene Kulturkreise, zum Beispiel der amerikanische, unterscheiden sich in gewisser Hinsicht von dem deutschen, dem französischen, dem englischen et cetera. Natürlich sind diese Kulturkreise keine homogene Masse (das wäre ja auch zu leicht), aber es wird der Durchschnitt genommen, der größte gemeinsame Nenner.
So kommt es, dass zum Beispiel bei Buchveröffentlichungen in anderen Ländern gewisse Dinge angepasst werden müssen, wie zum Beispiel das Cover. Die Deutschen haben einen anderen Geschmack als die Franzosen, die Franzosen einen anderen als die Briten und die Amerikaner sind sowieso ganz eigen – und schon hat eine Buchreihe mit drei Übersetzungen vier verschiedene Cover. Viel Spaß dabei, sie bei Amazon auseinanderzuhalten. 

In der Regel gibt es aber ein zweites Merkmal, das nicht nur dem Geschmack, sondern vor allem dem Verständnis zum Opfer fällt: der Titel. 
Dabei gibt es nun vier Möglichkeiten:
1. Der Titel wird im Original belassen. In der Regel passiert das aber maximal bei englischsprachigen Titeln.
2. Der Titel wird seiner Bedeutung entsprechend übersetzt.
3. Das Buch bekommt einen neuen Titel, aber einen, der einen großen und wichtigen Zusammenhang zum Buch darstellt, sodass die Verbindung bestehen bleibt.
4. Das Buch bekommt einen völlig sinnlosen neuen Titel, der sich einfach nur schick anhören soll oder „in“ ist.

Letzteres kommt leider häufiger vor, als man glauben mag; ich kenne zum Beispiel eine Reihe, deren Titel ein „Vampir“ schmückt – obwohl in der ganzen Reihe nicht ein einziger vorkommt.

Es gibt noch einen Punkt, der auch manchmal greift:
5. Der Titel gibt etwas vom Inhalt wieder, klingt dafür aber völlig Banane.


Die gute Nachricht ist: Beim Manga bleiben die Cover oftmals erhalten und werden (vom Schriftzug mal abgesehen) 1:1 übernommen.
Die schlechte Nachricht ist: Bei den Titeln ist das leider nicht so...

Der deutsche Markt ist reich an verschiedenen Manga. Es gibt sie für Mädchen, für Jungen (und Mädchen, die diese Kategorien überhaupt nicht interessieren), für Romance-Liebhaber, für diejenigen, die auf Mystery stehen, für Actionfreunde und Boys Love-Genießer.
Und so vielfältig sie auch alle sein mögen, so vielfältig ist die Art und Weise, wie mit dem entsprechenden Titeln umgegangen wird.


Titel wa dumb!

Die Sinnhaftigkeit von Übersetzungen darf so manches Mal angezweifelt werden, es herrscht ein regelrechtes Konglomerat aus japanischen, deutschen und englischen Titeln. Warum Titel A nun auf Deutsch übersetzt wird, Titel B aber einen englischen Titel bekommt und Titel C im Original bleibt, ist das Geheimnis der Verlage (auch wenn es natürlich mit Zielgruppen, der Art des Originaltitels, Marketing, der Sternenkonstellation und welchen Wochentag wir haben, zusammenhängt). Schlimm wird es nur, wenn originalenglische Titel mit der Begründung eingedeutscht werden, dass man sie dann besser verstehe. Die vielen anderen englischen Titel bedanken sich dafür.
So wurde aus „Challengers“ das berühmt-berüchtigte „Küss mich, Student!“.
„Verständnis“ ist das Schlagwort, mit dem gerade deutsche Titel verteidigt werden. Doch wer wusste damals, als sich der Markt so langsam aufbaute, was „Zetsuai“ oder „Kizuna“ bedeuten? Dennoch gingen sie weg wie warme Semmeln und was „Ze“ heißen soll, hat niemand so recht erklärt – oder mir ist die beiliegende Broschüre entgangen.

Natürlich ist es ebenso ein gewisses Soundproblem. Seien wir mal ehrlich: „Yellow“ klingt reizvoller als das spröde „Gelb“ – auch wenn da immerhin im Manga selbst erklärt wird, wie man auf so einen merkwürdigen Titel kommt. Vieles, was im Englischen „cool“ klingt, würde normal auf Deutsch übersetzt eher zu Lachanfällen, einem müden Lächeln oder einfachem Desinteresse führen. 


Liebe ist... wie zwei nackte Kinder mit einer Blume.


Ein sehr beliebtes Wort in Titeln ist das Wort „Liebe“. Alternativ „Love“, alternativ „Ai“. Zugegebenermaßen können dafür die deutschen Verlage wenig, denn schon im Japanischen zieren Unmengen (beziehungsweise gefühlte drölfmillionen) Manga etwas im Zusammenhang mit dem allseits beliebten Thema. Gerade Romance-Titel oder diejenigen, die sich an junge Mädchen richten, scheinen kaum ohne auszukommen. Wenn nun das Original keine Liebe im Titel hat, kriegt es eben eine verpasst, wie „Lebe deine Liebe“ oder „Lektionen der Liebe“.

Planet Manga nannte einen seiner Titel „Einfach Liebe“. Gut zusammengefasst. 

Übel erwischt hat es bei den Titeln vor allem jedoch ein Genre: Boys Love. Der Name ist Programm, scheint es da und so bekommt jeder zweite Manga die „Liebe“ verpasst.


„Lieb dich oder ich beiß' dir dein bestes Stück ab!“

Dass zwei Männer sich mögen und miteinander Sex haben oder gar entschließen, ihr Leben miteinanderzuteilen, ist anscheinend noch so ungewöhnlich, dass wir es mit einem Wort unterstreichen müssen: Liebe.
Kosar“ ist doch viel zu schnöde, also hängen wir ein „der Liebe“ dran und schon heißt es „Kosar der Liebe“! Wenn, dann wäre „Kosar der Lust“ eigentlich treffender gewesen, aber die Problematik von „Lust und Liebe“ ist ein anderes Thema.
Croquis“ (stammt ursprünglich aus dem französischen) zu Deutsch „Skizzen“ ist doch auch viel zu langweilig. Wir haben gerade gelernt, dass man einen BL-Titel am besten mit dem Zusatz „der Liebe“ versieht. Also: Skizzen + „der Liebe“ = „Skizzen der Liebe“. So wird ein deutscher BL-Titel gebastelt.
„Fundbüro... der Liebe“
„Regeln... der Liebe“
„Sternbilder... der Liebe“

Was die liebe Liebe nicht so alles hat.

Manchmal scheint das „der“ auch einfach nur zu stören. Und schon geht’s weiter mit „Hauptfach Liebe“, „Unsichtbare Liebe“ oder „Operation Liebe“. Zusammengesetzte Wörter gehen natürlich auch: „Liebesgift“. 
Oder ganze Sätze: „Liebe braucht keine Worte“.
Das ganze Spiel gibt’s natürlich noch einmal mit Love. Wem das nicht reicht, der kann auf ein verwandtes Attribut zurückgreifen: dem Herzen. 


Küss mich, ich bin ein Frosch *an Wand werf‘* 

Wenn ein deutscher Verlag etwas auf sich halten will, so hat er einen „Küss mich“-Titel im Programm. Selbstredend ist der dann im Boys Love Genre angesiedelt.
Carlsen preschte mit Kazuma Kodakas „Kiss me Teacher“ vor, in dessen Original zwar der Lehrer vorkommt, das „Küss mich“ aber schon eine eigenwillige Interpretation ist. Tokyopop hatte das bereits erwähnte „Küss mich, Student!“ im Angebot. Man mag zum Titel „Challengers“ stehen wie man will, aber korrekt übersetzt ist auch etwas Anderes - zumal hier die Änderung ziemlich sinnlos erscheint. EMA legte mit „Kiss me Princess“ nach – zugegebenermaßen ist die Prinzessin im Originaltitel enthalten. Aber warum benehmen sich alle wie kleine grüne Frösche, die unbedingt einen Kuss erhaschen wollen, um erlöst zu werden?
Planet Manga hat übrigens noch keinen Küss mich-Titel. Vermutlich ist der Verlag deswegen noch immer ziemlich klein.
Sicherlich haben die Verlage auf der einen Seite gute Gründe für ihre Entscheidungen: Wie erwähnt ist es vor allem eine Marketing- und verkaufszahlenfördernde Entscheidung, welcher Manga nun welchen Titel bekommt. Manche Titel klingen im Deutschen einfach grauenvoll, Englisch verstehen die meisten (oder zumindest wird so getan, als ob) und jeder Manga soll den Titel erhalten, mit dem am meisten Verkäufe erzielen kann.

Als Fan dagegen steht man so manches Mal vor dem Regal und kann sich bei diesem Mix an Titeln eigentlich nur eines denken: „Nani the Henker?!
Autor: / TOFU-Smiley TonaradossTharayn
Lektor: Aylin Hoffmann /  Tuulikki
Grafiker: Julia Kefenhörster
Datum d. Artikels: 01.08.2013
Bildcopyright:


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