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Am 10. September ist "Welttag der Suizid-Prävention". Aus diesem Anlass veröffentlichte Egmont Manga jüngst den Einzelband "My broken Mariko" von Waka Hirako. Wir möchten euch dieses besondere Werk nicht vorenthalten und stellen es hiermit vor...!

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Japaner schattieren anders

 
Im direkten Vergleich von japanischen und westlichen Tattoos fallen dem aufmerksamen Beobachter sicherlich so einige Unterschiede auf. Aber welche sind das konkret und wie kamen sie zustande? - Ein paar Gedanken.
Japanische Tattoos sehen oft anders aus als westliche. Das ist wahrscheinlich schon so manchem Tattoo-Begeisterten aufgefallen. Auch mir stachen, seit ich mich mit Tattoos beschäftige, auffallend oft die japanischen ins Auge. Jedoch beziehe ich mich hiermit weniger auf die Motive, wie man zunächst vielleicht denken könnte. Natürlich sind Drachen, Koi und Lotusblüten in Japan wesentlich häufiger als Motiv vertreten als im Westen, immerhin nehmen sie im allgemeinen Kulturgut Japans auch einen ganz anderen Stellenwert ein.
Deutschland hingegen kann nicht gerade behaupten, über „kultureigene Motive“ zu verfügen: Die Pin-up-Girls und erdolchten Herzen stammen aus Zeiten der Seefahrt, wurden von anderen Nationen aber ebenso verwendet. Die Tribals (auf dem Steiß platziert auch bösartig „Arschgeweih“ genannt), die bei uns ihre Hochzeit in den 90ern hatten, dienen in ihrem Ursprung als Stammeszeichen indigener Völker (zum Beispiel der Iban auf Borneo). Und die derzeitig sehr beliebten Sugar Skulls beziehungsweise La Catrinas verzeichnen ihren Geburtsort in Lateinamerika.

Aber was ich mit „anders“ meine sind nicht die verschiedenen Motive an sich, sondern die Schattierungen eben selbiger. Die Schattierungen und Farbverläufe.

Zuerst war mir selbst gar nicht bewusst, was ich an japanischen Tattoos als so „anders“ empfand, aber sie sprachen mich oft einfach stärker an. Bis ich mir dann irgendwann einmal die Farbverläufe genauer angesehen habe und feststellen durfte, dass viele japanische Künstler diese tatsächlich feinfühliger zu beherrschen scheinen als so mancher ihrer westlichen Kollegen. Der Farbverlauf wirkt nuancenhafter, auslaufender. Wohingegen der Farbverlauf bei westlichen Künstlern oft „abgehackter“ aussieht, zumindest empfinde ich das so. Die Grenzen, bis wohin eine Schattierung oder eine Farbe reicht, wirkt bei japanischen Künstlern oft „freier“ - sofern sie nicht von den Outlines eingeschränkt werden.
Und diese Beobachtungen sind unabhängig vom eigentlichen Motiv, ob es sich nun um eine kleine Lotusblüte oder ein Bodysuit (Ganzkörpertattoo) handelt, ist dabei egal. Auch wie gestochen wurde, ob traditionell im Tebori-Stil oder mit der Tätowiermaschine, spielt hierfür nur bedingt eine Rolle. (Bei Tattoos im Tebori-Stil bleibt die Farbe, je nach Hauttyp, oft länger erhalten, was sich natürlich auch auf die Erscheinung der Schattierung auswirkt.)

Ebenfalls ist mir bei japanischen Werken öfter die Verwendung sehr schmaler Linien, die bei westlichen Tattoos nicht so häufig zum Einsatz gebracht werden, aufgefallen. Wobei ich noch am überlegen bin, ob das vielleicht auch mit der Entwicklung der Motive im Westen zusammen hängen könnte; immerhin waren eines der Haupteigenschaften der Oldschool-Motive die dicken Outlines.

Als ich mit einer Freundin darüber gesprochen habe, machte sie mich darauf aufmerksam, dass die Natur einer jeden Kultur eben selbige charaktertypisch hervorhebt und sie nannte als Beispiel die Mandarinente. Diese stammt ursprünglich aus Nordostchina, dem Amurgebiet sowie – Überraschung – Japan. Inzwischen kann man sie jedoch unter anderem auch in Deutschland in freier Natur antreffen. Während das Weibchen, wie bei vielen Vogelarten weltweit, eher unauffällig erscheint, weist das Federkleid des Männchens eine vielfältige Farbenpracht auf. Und hier wiederholt sich meine Beobachtung: Der Farbverlauf der männlichen Mandarinente hat etwas „typisch Südostasiatisches“.
Ebenso empfand ich den Anblick eines bestimmten Nadelbaumes auf Fotos, Bildern und in freier Natur schon immer als „irgendwie japanisch“. Inzwischen weiß ich: Es handelt sich hierbei um die Japanische Rotkiefer.

Ich möchte allerdings auch erwähnen, dass mir die beschriebene Art des Schattierens nicht nur ausschließlich bei japanischen Tattoos aufgefallen ist: Erst kürzlich stieß ich auf einen vietnamesischen Künstler, bei dem ich die gleichen Beobachtungen verzeichnen konnte. Und auch der ein oder andere deutsche Tätowierer verfügt über dieses Können. Dennoch denke ich, dass diese Art des Schattierens eine Eigenschaft ist, die in manchen Kulturkreisen stärker zum Ausdruck gebracht wird als in anderen. Vielleicht liegt es daran, wie die Künstler ihre eigene Umgebung wahrnehmen.


Aufmacher: Julia Kefenhörster
Autor:
Lektor: Hannah Hohmann
Grafiker: Kathia Krüss
Datum d. Artikels: 11.10.2013
Bildcopyright: Kohki Sato, Mie, Horiyoshi III, Wikimedia Commons


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