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Japaner outlinen anders

 
„Bold will hold“ lautet ein beliebter Tätowierspruch im Westen. Jedoch ist „bold“ nicht für jeden Stil geeignet und für manche Details sogar hinderlich. - Was mir bei meinem letzten Besuch im Tätowierstudio so durch den Kopf ging...
Vor gut einem Jahr verfasste ich eine Kolumne über die Unterschiede westlicher und östlicher Schattierungen bei Tattoos. Heute möchte ich mich nun dem „Drumherum“ widmen: den Outlines.

Ich befand mich mal wieder auf der Liege meiner Tätowiererin. Diesmal stach sie an mir ein Cover-up. Es sollte jedoch nicht vollständig ein altes Motiv überdecken, sondern vielmehr ein altes Motiv stilistisch anpassen sowie ausarbeiten und erweitern. Die Herausforderung lag darin, dass die Outlines des ursprünglichen Motivs recht dick waren. Nicht ungewöhnlich dick, aber durchgehend, im gesamten Motiv. Sämtliche Linien wurden damals in einer Stärke gestochen.
Das ist auch heute bei westlichen Künstlern noch weit verbreitet, besonders bei Stilen wie Old School, Neo Traditional, Comic oder Maori. „Bold will hold“ lautet diesbezüglich auch ein beliebter Spruch, der unterstreichen soll, dass dicke, kräftige Linien allgemein als langlebiger gelten. Allerdings sollte man sich davon nicht zu sehr beeindrucken lassen, denn schlussendlich hängt die Langlebigkeit eines gut erkennbaren Tattoos noch mit mehreren anderen Faktoren zusammen wie Farbqualität, Stichtiefe, Hauttyp, Pflege (auch während der Abheilung) und verwendeter Werkzeuge.

Schaut man sich nun aber asiatische Motive an, fallen die Outlines oft ganz anders aus. Wobei es auch nochmal ein deutlicher Unterschied ist, wer asiatische Motive sticht. Ein westlicher Künstler, der vornehmlich im westlichen Stil westliche Motive sticht, nun aber einen Kunden hat, der von ihm gerne einen Koi-Karpfen gestochen haben möchte, wird besagten Karpfen wahrscheinlich eher im westlich Stil stechen. Von einem Japaner, der klassische japanische Motive tätowiert, wird der gleiche Karpfen erkennbar anders aussehen. Denn es geht bei weitem nicht nur um das Motiv allein; weniger der Karpfen, der Kirschblütenzweig oder die Päonie ist ausschlaggebend für das Endergebnis, als vielmehr Linienführung und – wie schon in der anderen Kolumne ausführlicher beschrieben – Schattierung.

Womit aber hängt nun eine andere Erarbeitung der Outlines zusammen? Zum einen natürlich auch wieder mit dem Stil des gewünschten Motivs. Realistische Motive zum Beispiel, zu denen auch Porträts zählen, weisen meist eine Vielzahl an Details auf. Diese sind oftmals nur mit feineren Nadeln umsetzbar. Zum anderen hat jeder seine ganz persönlichen Lieblingswerkzeuge, mit denen er am besten arbeiten kann. So wie verschiedene Maler verschiedene Pinsel, verschiedene Zeichner verschiedene Stifte und verschiedene Schneider verschiedene Stoffe bevorzugen, hat auch jeder Tätowierer seine bevorzugten Nadeln. Die einen bevorzugen eine höhere Anzahl von Nadeln oder eine höhere Nadelstärke, die anderen eine niedrigere.

Als ich mich zu Teenagerzeiten noch viel mit Naoko Takeuchis „Sailor Moon“-Manga beschäftigte, bekam ich auch einige der Artbooks in die Finger. Zu manchen Bildern schrieb sie kurz, welche Materialien sie hier- und dafür verwendet hat und bei einem Bild stand die Erklärung, dass sie für die Outlines der Mädchen einen 0,4-Fineliner verwendete. Dieser zeichnet haardünne Linien.
Vor einiger Zeit vernahm ich bei einem Gespräch, wie meine Tätowiererin (ihres Zeichens Japanerin) davon sprach, unter anderem die Nadelstärke 0,4 zu verwenden. Ich musste innerlich schmunzeln und fühlte mich sofort an besagtes Artbook zurückerinnert.

Bei großflächigen Motiven aus dem asiatischen Raum fällt meiner Beobachtung nach auch oftmals ein ungeheurer Detailreichtum auf, den ich bei vielen westlichen Motiven in derselben Größenordnung nicht so oft erblicke. Sei es das komplexe Muster eines Frauenkimonos, das umfangreiche Schuppenkleid einer Schlange oder die wehenden Haare eines Kriegers. Von der allseits beliebten Botanik mal ganz zu schweigen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es daher für mich noch nachvollziehbarer, diesen Detailreichtum aus Vorlagen zu übernehmen (selbst wenn man die Motive abwandelt) und dünne Linien eignen sich dafür oft einfach besser als dicke.

Es soll nun jedoch nicht der Eindruck entstehen, ich würde westlichen Tätowierern nichts zutrauen; es gibt eine Menge von ihnen, die ebenso viel draufhaben wie ihre Kollegen aus dem Großraum Asien. Es gibt auch nicht-asiatische Tätowierer, die den asiatischen Stil erstaunlich authentisch wiedergeben können. Ich denke, Kulturen, mit denen man stark konfrontiert wird (sei es nun die eigene oder eine fremde) hinterlassen auch immer Spuren und diese Spuren spiegeln sich in jedermanns Tun wieder. Dass die asiatische, speziell die japanische Tätowierkultur eine ganz andere ist als die europäische beziehungsweise deutsche, lässt sich nicht von der Hand weisen. Und Tätowierungen gibt es überall auf der Welt schon seit tausenden von Jahren. Jede Kultur geht damit aber anders um und überall haben sie sich unterschiedlich entwickelt – und werden es auch in Zukunft tun.


Aufmacher: Julia Kefenhörster
Autor:
Lektor: Carolin Titze
Grafiker: Kathia Krüss
Datum d. Artikels: 19.11.2014
Bildcopyright: Kathia Krüss, Horiyoshi III


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