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Langsam aber sicher weicht die Weihnachtsbeleuchtung und somit geht auch das Jahr 2016 zu Ende. Egal ob es nun ein gutes oder ein eher nicht so tolles Jahr war, es ist auf jeden Fall kein Grund zur Trauer, denn bereits jetzt lockt uns 2017 mit einigen Ankündigungen. Welche unsere momentanen Favoriten sind, erfahrt ihr hier:

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Visual Kei – ein Begriff, tausend Richtungen

 
Der Begriff kommt aus Japan, die Optik erinnert aber überwiegend an westliche musikalische Vorbilder. Trifft er bei vielen jungen Japanfans schnell auf Begeisterung, kann ihn doch kaum jemand klar definieren. Kathia auf der Suche nach dem roten Faden.
Und da war sie wieder. Während eines Gesprächs mit einer Freundin tauchte plötzlich zum wiederholten Male diese Frage in meinem Kopf auf: Was ist eigentlich „Visual Kei“? Ein alter Hut, wird manch einer sich jetzt denken. Und im Grunde liegen jene damit ja auch nicht falsch; diese Diskussion ist schließlich nicht neu und ihre Hochzeiten sind schon längst passé. Im Rahmen des „We are X“-Films, mit welchem X Japan seit Anfang 2016 im Westen, vornehmlich den USA, promoted werden, erlebt diese Frage jedoch ein gewisses Revival.

Recherchiert man den Begriff „Visual Kei“, enthalten zahllose Quellen immer ein und denselben Tenor: X werden als Erfinder, als regelrechter Ursprung eben jenes genannt. Demnach wäre Visual Kei also... Japaner, die aussehen wie Mötley Crüe? Denn genau das taten X in den ersten Jahren ihres Bestehens – auch wenn immer wieder Kiss als Vorbild genannt werden; vielleicht waren sie das ja auch in irgendeiner Hinsicht. Aber bei den Kostümen schlägt eindeutig Mötley durch (und die Haarsprayfrisuren hatte in den 80ern sowieso jeder – es waren die 80er!). Aber X waren zu jener Zeit (die Gründung wird auf 1982 datiert, die erste Veröffentlichung auf 1985) nur eine von vielen Bands, die sich outfittechnisch an ihren westlichen Idolen orientiert hat: Seikima-II haben sich im selben Jahr gegründet und trieben es mit ihren Kostümen noch mehr auf die Spitze als X. Flatbacker (später EZO; auch 1982) standen X in den 80ern in Nichts nach – sogar die englische Aussprache der Songtexte lief runder (sorry Toshi) und mit einem von Gene Simmons (Kiss) und Val Garay produzierten Album hatten sie bereits 1987 eine Veröffentlichung in den USA. Zu einem Zeitpunkt als X kaum ein festes Line-Up hatten... Und dann hätten wir da noch 44 Magnum (Gründung sogar schon 1977), D'erlanger (1983), Buck-Tick (1983), The Zolge (1983), Dead End (1984), COLOR (1985), Kamaitachi (1985) und sicher noch so einige mehr – allein nur in diesem Zeitrahmen. Will sagen: X waren nicht „die Ersten“, X war zunächst nur eine Band von vielen. Eine jener Bands, die in der Anfangszeit einen langen Atem bewiesen hat und sicherlich wird der Fakt, dass Yoshiki 1986 mit Extasy Records ein eigenes Indie Label gegründet hat, für die weitere Entwicklung der Band nicht ganz unwichtig gewesen sein. Sie hatten Durchhaltevermögen – aber sie waren zu jener Zeit nicht die einzigen Jungs, die mit Kriegsbemalung im Gesicht und in Lack- und Lederkluft auf der Bühne standen.


Manch einer zählt die Musik ebenfalls als einen Aspekt von Visual Kei. Obwohl mir das bis heute niemand erklären konnte: Schließlich ist Musik etwas Akustisches, nichts Visuelles. Und ob ich mir nun einen Song einfach via CD, mp3 oder welchem Format auch immer anhöre oder mir das dazugehörige Video anschaue – das betreffende Lied klingt dadurch nicht anders.
Aber auch musikalisch gibt es im Bereich Visual Kei keine wirklich konkrete „Richtlinie“: In den 80ern spielten viele Bands Rock und Metal, Ende der 80er/Anfang der 90er spielte mehr Pop und Punk mit rein und im Laufe der 90er nahm der Elektroanteil spürbar zu. Um die Jahrtausendwende herum wurde dann Grunzmetal (sorry, dass ich nicht den fachmännisch korrekten Begriff parat habe: Ich meine den Stil, wo es hauptsächlich um Lautstärke und vielleicht noch Rhythmus geht) modern. Aber ob jetzt Mötley Crüe-Cosplayer á la X mit Heavy Metal (der in den Anfängen sogar auch an Mötley erinnerte, Stichwort „Kurenai“), bunthaarige Spaßvögel wie Kamaitachi und COLOR mit poppigem Punksound, Engelsgestalten wie Raphael mit Art- und Symphonic-Rock oder Gothic-Kunstfiguren wie Schwarz Stein mit Industrial - ein roter Faden lässt sich da für mich nicht wirklich erkennen. Außer das Herkunftsland.

Was mich zum nächsten Gedanken bringt: Heißt der buntverpackte Spaß einfach nur Visual Kei, weil er aus Japan kommt? Denn für westliche stark geschminkte und auffallend gekleidete Musiker habe ich diesen Begriff noch nie gehört – und dann wäre sicherlich Alice Cooper der „Urvater“ jenen Stils und nicht X & Co. Ich würde es vielleicht noch verstehen, wenn Visual Kei in ihrer Optik grundsätzlich traditionell japanische Elemente beinhalten würde, wie es zum Beispiel Kagrra, zeitweilig mit den Kimonos taten. Aber japanische Musiker so zu nennen, die ursprünglich einfach nur ihren westlichen Idolen nachgeeifert haben...? (Gut, die jüngeren Generationen eifern wahrscheinlich wieder eher den älteren Generationen des eigenen Landes nach.) Siouxsie and the Banshees laufen unter Punk, Twisted Sister unter Glam Rock. Aber auch nur, weil sie aus dem Westen stammen – kämen sie aus Japan, würde man sie dann unter Visual Kei kategorisieren? Und warum? Die dürften etwa genauso viel miteinander zu tun haben wie die Tokyo Yankees mit Baroque.

Da drängt sich mir doch mehr und mehr der Verdacht auf, dass Visual Kei nichts weiter als eine Marke ist, die sich – einfach nur aufgrund ihres Namens – gut verkaufen lässt. Junge Menschen sind grundsätzlich die besten Kunden, wenn es nicht gerade um Medikamente oder Gehhilfen geht. Somit wird der Stempel „Visual Kei“ mit Sicherheit in vielen Fällen verkaufsfördernd gewesen sein. Gerade in einem Land wie Japan, wo Individualität gerne klein geschrieben wird (obwohl es ein Substantiv ist) und der Drang der Jugendlichen nach Auslebung eben selbiger unheimlich groß ist, kann eine Marke, die eben jenes verkauft, ein wahnsinniger Renner werden. Ich habe leider nicht herausfinden können, zu welcher Zeit der Begriff „Visual Kei“ in Japan populär wurde; in Deutschland dürfte es so um die Jahrtausendwende herum gewesen sein. Ich gehe davon aus, in Japan fand das irgendwann im Laufe der 90er statt – wer genauere Informationen dazu hat, darf sie mir gerne zukommen lassen. Denn was auch interessant zu beobachten ist, ist, dass viele Bands, die sich in den 80ern gegründet haben, verhältnismäßig lange brauchten, um mit der ersten Veröffentlichung rumzukommen – manchmal Jahre! Natürlich hatte die Generation Musiker fernab des Mainstreams es schwerer sich durchzubeißen. Wenn man das mit den vergangenen zehn Jahren (Stand: 2016) vergleicht, wo man das Gefühl hat, Visual Kei-Bands schießen wie Pilze aus dem Boden und kaum sind sie da, folgt auch schon die erste Veröffentlichung (natürlich in fünf verschiedenen Ausgaben, in denen oft nur einzelne Tracks ausgetauscht wurden oder das Cover variiert), ist das schon aussagekräftig genug. Ebenso, wenn solche Bands sich nach drei bis fünf Jahren dann wieder trennen und die Trennung gerne mal schon ein halbes Jahr im Voraus angekündigt wird, weil der Vertrag beim jeweiligen Label dann ausläuft... Nicht, dass ich jede Bandtrennung darauf gemünzt sehe, das nun wirklich nicht! Aber es gibt manchmal so Phasen, wo die kurze Lebensdauer von Gruppen aus diesem Bereich doch sehr auffällig ist.
Unter diesen Aspekten den Stempel „Visual Kei“ Bands aufzudrücken, die sich hochgekämpft haben, Jahre bevor es diesen Begriff überhaupt gab (wie es gegenwärtig im Westen mit X ganz stark gemacht wird, um mal wieder zum Ausgangspunkt zurück zu kommen), hat irgendwie einen sehr seltsamen Beigeschmack.

 
Autor:
Lektor: Aylin Hoffmann /  Tuulikki
Grafiker: Kathia Krüss
Datum d. Artikels: 25.12.2016
Bildcopyright: X Japan, EZO, Kagrra,


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