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Andreas Neuenkirchen ist bekannt für seine Japanbücher, sowohl in Romanform wie auch als Reiseliteratur. Mit „Kawaii Mania“ hat er ganz frisch einen neuen Titel auf den Markt gebracht – und uns Rede und Antwort gestanden!

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Onna-Kabuki

 
Ist Kabuki wirklich „reine Männersache“? Nein!
Über die Geburtstunde und Wiedergeburt des Frauen-Kabukis.

Das berühmte japanische Volkstheater Kabuki wurde 2008 (ursprünglich 2005) als Weltkulturerbe anerkannt. Es ist dafür bekannt, dass alle Rollen von Männern gespielt werden. Doch dass ausgerechnet Frauen den Grundstein dieser Theaterform legten, blieb relativ unbeachtet.

Kabuki wurde Überlieferungen zufolge 1603 (Edo-Zeit: 1603-1868) von einer Frau namens Izumo no Okuni (出雲の阿国) gegründet. Es heißt, sie habe mit anderen Schauspielerinnen im trockenen Flussbett des Kamo (Kyōto) auf einer Nō-ähnlichen Bühne getanzt. Dieser Tanz sei besonders sinnlich, mitreißend und lebhaft gewesen, weswegen sie für Aufsehen sorgten. Ihrem Vorbild folgend entstanden von Stadt zu Stadt ziehende weibliche Schauspielgruppen.

Diese neuartige Schauspielkunst wurde jedoch als anstößig empfunden.
Dass es das weibliche Geschlecht war, das sich hier präsentierte, war nicht das einzige Problem. Sie standen auch ohne die im Nō-Theater typischen Masken auf einer öffentlichen Bühne. Unbedeckte Arme und Beine wurden gezeigt. Weitere Tabus wurden gebrochen, indem sie Männerrollen darstellten und freimütig Badehaus- und Bordellszenen spielten. Es wurden aktiv westliche Elemente mit einbezogen und eine einzigartige Publikumsnähe erschaffen. Ein paar der Frauen prostituierten sich und präsentierten sich für diese Dienste tagsüber vorab auf der Bühne.
Diese frühe Form des Kabuki wird auf die Gründerin zurückführend Okuni Kabuki (阿国歌舞伎), Onna Kabuki (Frauen-Kabuki, 女歌舞伎) oder auch Yūjo Kabuki („Prostituierten-Kabuki", 遊女歌舞伎) genannt.

Nach nur 26 Jahren wurden die Frauen durch das Tokugawa-Shōgunat von den Bühnen verbannt. Dies geschah unter dem Vorwand der Unmoral und Prostitution. Es wird vermutet, dass der wahre Grund des Verbotes eine Angst vor der Gefährdung der Macht des Shōgunes und des feudalen Systems war. Es bestanden Beziehungen der Frauen zum Samurai-Stand.
Fortan wurde Kabuki ausschließlich von Jungen gespielt (Wakashū Kabuki, 若衆歌舞伎), die schon vor dem Verbot des Onna Kabukis tätig waren. Diese wurden 1652 ebenfalls verboten. Schließlich wurde das heute bekannte Kabuki, das ausschließlich von erwachsenen Männern aufgeführt wird (Yarō Kabuki, 野郎歌舞伎), gegründet.





Seit dem Verbot, das in der Meiji-Zeit (1868-1912) aufgehoben wurde, versuchten die Frauen, zurück auf die Theaterbühne zu gelangen.
Im Jahre 1879 führte Ichikawa Kumehachi (市川九女八) - eine erfolgreiche Schauspielerin - eine Kabuki-spielende Frauenbewegung an. Dies war allerdings einer von wenigen Einzelfällen.
Das Shimpa Drama („neue Schule“) der 1890er brachte die Frau längerfristiger zurück auf die Theater-Bühne. Jedoch genoss sie kein gesellschaftliches Ansehen und galt als „beschmutzt“.
Dies änderte sich mit der 1913 gegründeten Takarazuka Revue. Da sie ausschließlich von Frauen aufgeführt wird, gilt sie als populäres Gegenstück zum Yarō Kabuki. Als populärkulturelle Musical-Form knüpft sie nicht an das traditionelle Frauen-Kabuki an.

1983 wurde das traditionelle Frauen-Kabuki unter dem Slogan „Okuni Renaissance“ (okuni runessansu) wiedergeboren. Diese gegenwärtige Form heißt Nagoya Musume Kabuki („Kabuki der Töchter Nagoyas", 名古屋むすめ歌舞伎). Sie werden von der berühmten Kabuki-Schauspielerfamilie Ichikawa, der zuvor erwähnten Ichikawa Kumehachi, unterstützt. Gegenwärtig führen sie seit 1983 in der dritten Generation Kabuki-Stücke auf. Ihr Slogan lautet „Okuni Renaissance“ (okuni runessansu). Sie lassen Izumo no Okunis Tradition aufleben und führen sie fort. Regelmäßig werden bewährte Schauspielerinnen in die Schauspielerfamilie aufgenommen.
2002 trat die Gruppe in Belgien und den Niederlanden beim World Music Festival auf. 2003 fanden Aufführungen zu Ehren des 400. Geburtstages der Gründerin statt.

Im Jahre 2006 nahm sich der Fernsehsender NHK des Themas an. Er wirdmete der Gründungsgeschichte ein eigenes sechsteiliges Dorama namens „Izumo no Okuni".

Männer-Kabuki wird als japanisches Kulturgut weltweit beachtet. Doch es lohnt sich, hinter seinem Schatten auch das Frauen-Kabuki zu betrachten. Dieses hat trotz aller Widrigkeiten erfolgreich den Sprung in die Moderne geschafft. In siegessicherer Pose thront seit 2002 die Statue der Gründerin am Kamo Fluss in Kyōto.
 

Autor: Mareike W.
Lektor: Jennifer Brox
Grafiker: Nathalie Schöps /  unbekannt
Datum d. Artikels: 13.01.2012
Bildcopyright: Wikimedia Commons


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