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Ein Stück aus Japans Seele: Amae

 
Unterschiedliche Kulturen haben stets verschiedene Ansichten. Das beginnt bereits auf der obersten Ebene, dem Bild nach außen, und zieht sich immer weiter durch die Strukturen einer Gesellschaft. Sogar auf vollkommen natürlichen Ebenen, wie beispielsweise dem Sozialverhalten, ergibt sich da ein vollkommen anderes Verständnis für grundlegende Auffassungen.



Amae ist ein Beispiel dafür. Es ist die Substantivierung des Verbs „amaeru“ (甘える) und bedeutet soviel, wie „sich anlehnen“ (auch im Sinne von „sich verwöhnen lassen“). Amae, zu deutsch etwa mit Anlehnung übersetzt, zeigt beispielhaft die grundlegenden Unterschiede zwischen der japanischen und der westlichen Gesellschaft.

Es bezeichnet ein japanisches Urbedürfnis, das innerhalb des sozialen Umfeldes sämtliches Handeln maßgeblich beeinflusst.
Nach dem westlichen Verständnis bedeutet Freiheit gleichsam Unabhängigkeit. Im japanischen Wort für Freiheit (jijuu) ist gleichzeitig die Abhängigkeit von der eigenen Mutter enthalten. Das Kind kann sich jedoch durch ihre Fürsorge frei ausleben und muss sich nicht zurückhalten. Daraus ergibt sich Freiheit durch Geborgenheit. Im Zusammenhang mit Amae spricht man daher von einem tiefen Bedürfnis nach gegenseitiger Bindung und Abhängigkeit.
 
Betrachtet man die japanische Gesellschaft, so ergeben sich für jede Person unterschiedliche soziale Kreise. 
Der vertrauteste Kreis entspricht der Familie und den engsten Freunden und eben dort gilt Amae. Hier kann man sich natürlich geben und muss keinem strengen Verhaltenskodex folgen. Außerhalb von Amae befinden sich die Menschen, zu denen man zwar ein persönliches Verhältnis entwickelt hat, ninjô (Gefühl, Verständnis), allerdings gleichzeitig ein Gefühl von Verpflichtung (giri) verspürt, das das eigene Handeln in Gegenwart dieser Personen maßgeblich beeinflusst. Beispielsweise sind dies die Nachbarn oder enge Arbeitskollegen. 
Noch weiter außen liegen die Personen, deren guten Willen man nicht durch Fehlverhalten aufs Spiel setzen möchte. Man nennt diesen Bereich sumanai. Das Vorhandensein von Zurückhaltung (enryo) zeichnet den größten Unterschied zu Amae aus. Man gibt sich in diesem Feld nicht so, wie man ist, da dies als unpassend oder unhöflich angesehen würde.  
Wird in Japan innerhalb einer Gruppe, in der giri oder enryo geltend sind, ein schwerwiegender Fehler begangen, so übernimmt das Gruppenoberhaupt - in den meisten Fällen ist dies der Vorgesetzte bzw. Chef der Gruppe - in nicht seltenen Fällen die Verantwortung. Diese Gruppensolidarität ist charakteristisch für Japan, in denen die Harmonie innerhalb einer Gruppe und gleichsam nach außen oberste Priorität hat.
 
Schlussendlich gibt es im sozialen Umfeld der Japaner noch die „Anderen“ (ta-nin). Mit ihnen verbindet sie keine Beziehung und auch kein Gefühl der Verpflichtung (giri) oder jener speziellen Zurückhaltung (enryo). Auch Schuldgefühle kommen gegenüber den Anderen kaum auf. Sie gehören nicht zur eigenen Gruppe, daher verhält man sich ihnen gegenüber mehr oder weniger gleichgültig. Das bedeutet keinesfalls, dass Japaner Personen, die sie als ta-nin einstufen, mit Unhöflichkeiten gegenüber treten, denn das widerspräche der japanischen Ur-Höflichkeit. Es wird lediglich nicht mehr ganz so penibel darauf geachtet, dass das eigene Verhalten über alle Maßen korrekt ist.

Die Gruppen-Mentalität in Japan ist stark ausgeprägt. Die sogenannte Ich-Stärke tritt dort sehr in den Hintergrund, ganz im Gegensatz zu den westlichen Ländern, in denen meistens das Ich immer noch vor den anderen kommt. Dennoch streben alle Menschen Nähe und Geborgenheit an - jeder auf seinem eigenen Weg. Die Japaner haben dafür ihr ganz eigenes Wort: Amae. Und versucht man, die japanische Gesellschaft zu verstehen, kommt man nicht umhin, sich damit zu befassen.
Autor: Lisa-Marie Janßen
Lektor: Aylin Hoffmann /  Tuulikki
Grafiker: Julia Kefenhörster
Datum d. Artikels: 30.03.2012
Bildcopyright: Wikimedia Commons


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